Wann SEO keinen Sinn macht: Das Problem mit den Nägeln

Im Projektmanagement gibt es den wahren Spruch: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel.“ Das stimmt. Ein Techniker sieht immer technische Schwierigkeiten, ein Werber will immer mehr Traffic einkaufen und ein SEO sieht keinen Sinn in einer Webseite ohne Google Ranking. Wer klug ist, sollte versuchen, diese Sicht ein wenig aufzulösen.

Beispiel: verkorkste Webseite

Zugegeben, das ist nicht einfach: Wenn bei uns ein Kunde mit einer wirklich schlechten Webseite (miese Usability, verkorkstes CMS oder ähnliches) anruft, könnten wir ihm eine Menge SEO (welcher Art auch immer) verkaufen. Erfolge wären dann meist schnell zu erzielen und unsere Kasse würde klingeln.

Meine Empfehlung: Erst Layout, dann SEO

Suboptimale Webseite. Hier empfehle ich erst Layout, dann SEO.

Doch was tun wir? Wir schicken den Kunden wieder weg, zurück auf Start. Ich bitte ihn, doch noch einmal über die Seite nachzudenken. Denn wenn er nun sein Geld für SEO ausgibt, wird er folgende Schwierigkeiten bekommen:

  • Er wird für Technik, Content und Backlinks mehr Geld ausgeben, als er das mit einer vernünftigen Seite müsste.
  • Die Erfolge wären bei weitem nicht so gut wie mit einer ordentlichen Seite.
  • Irgendwann wird er seine Seite ohnehin relaunchen müssen, dann wirft er gutes Geld dem schlechten hinterher.

Natürlich erkläre ich ihm, dass es sinnvoll ist, den Relaunch auch aus SEO-Sicht begleiten zu lassen (und das machen wir auch gerne) – aber die Suchmaschinenoptimierung ist nur ein Teil dessen, was er zu tun hat. Deshalb muss er zunächst einmal sein Geschäftsmodell in ein Webmodell überführen, die Rahmenbedingungen klären und eine Business-Struktur erarbeiten. Danach können wir ihm dann für den Kanal „SEO“ helfen.

Beispiel: keine SEO-Chance

Es gibt auch potentielle Kunden, die einfach keine Chance haben – und trotzdem Geld für SEO ausgeben möchten. Weil man das ja schließlich so macht. Beispielsweise kleine Webshops, die mit ihrem Sortiment gegen die großen Platzhirsche antreten möchten. Wer etwa mit einer kleinen aber feinen Bekleidungs-Seite reich werden möchte, sollte sein Geschäftsmodell noch mal überprüfen. Die Suchergebnisse sind im organischen wie im bezahlten Index vollgestopft mit den großen Ottos, Zalandos und Herrenausstatter dieser Welt. Wie lange wird wie viel Geld fließen müssen, um dort eine Chance zu bekommen?

Damenschuhe: Schwieriges Umfeld für nigelnagelneue Seiten

Damenschuhe: Schwieriges Umfeld für nigelnagelneue Seiten.

Das Schlimme daran: Wir legen solchen Kunden dann ehrliche Zahlen auf den Tisch. Sie verschwinden dann und bezahlen einer anderen Agentur einen Bruchteil davon – um genau nichts zu bekommen. Das ist ärgerlich, aber darum soll es hier eigentlich nicht gehen.

Beispiel: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!

Und dann sind da noch die Telefonate mit Chefredakteuren, Technikchefs oder CEOs, die einem erklären, dass man jetzt endlich mal SEO machen sollte. Und weil in der eigenen Firma keiner Ahnung davon habe, brauche man nun halt eine externe Agentur die das mache, ohne dass die anderen Abteilungen davon betroffen sind. Mit anderen Worten: Wir wollen nichts ändern – aber trotzdem bessere Rankings.

SEO, aber keiner darf es merken? Was tun, wenn Angela Merkel anruft?

SEO, aber keiner darf es merken? Was tun, wenn Angela Merkel anruft?

Das wären bis vor kurzem wohl die Lieblingskunden der meisten Linkbuilding-Agenturen. Denn dann vereinbart man 20 Keywords, beschmeißt die dazu gehörigen Seiten mit Links und schreibt Rechnungen. Aber wie wir ja nun wissen, funktioniert das nur noch sehr eingeschränkt. Ohne ein echtes Commitment im Unternehmen halte ich Suchmaschinenoptimierung für unmöglich.

Merke: Nicht immer ist SEO die Lösung!

Das Auge, mit dem wir also bei anderen Budget-Verschwendung sehen, ist beim Blick auf unsere eigene Arbeit meist ziemlich blind. Davor schützt uns ein strukturierter Plan zur Bewertung, was zu tun ist. Es geht um drei ganz einfache Fragen, die wir vor dem Start eines jeden Projektes stellen sollten:

  • Was ist das Ziel der Seite (der Maßnahme, des Projektes)?
  • Ist dieses Ziel erreichbar?
  • Mit welchen Mitteln ist das Ziel erreichbar?

Am besten beantworten wir diese Fragen nicht alleine (und sehen dann doch wieder nur SEO-Nägel), sondern besprechen das mit den anderen Disziplinen in der digitalen Welt. Was sagt ein Techniker dazu? Was der Werber? Der Redakteur? Und nur, wenn sich die Antworten irgendwie unter einen Hut bringen lassen, hat das Projekt eine realistische Chance erfolgreich verwirklicht zu werden.

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Eric Kubitz

Eric Kubitz ist einer der Chefs der CONTENTmanufaktur GmbH . Außerdem ist er Redner auf Konferenzen, Dozent bei Hochschulen, schreibt über SEO (und über andere Dinge) und ist der Chefredakteur des SEO-Book.

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Kommentare (5)

  1. Christian Kunz

    Sehr gut! Es sollte zum Berufsethos jedes SEOs gehören, den (potentiellen) Kunden über die Erfolgsaussichten zu informieren – auch auf die Gefahr hin, einen Auftrag weniger zu erhalten.

  2. Themenmixer

    Klingt ehrlich und sollte eigentlich als Voraussetzung gelten, um in dem Gewerbe zu bestehen.
    Sonnige Grüße vom Bodensee

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  4. OlafOlleckKopp

    Hallo Eric, Du sprichst mir aus der Seele. Wir machen oft die gleichen Erfahrungen, dass das Website Design, das CMS Schrott, schlichtweg das Geschäftsmodell nicht durchdacht ist oder einfach der USP fehlt. Dazu habe ich mich auch schon vor einiger Zeit ausgelassen: http://www.online-marketing-deutschland.de/online-marketing/gutes-online-marketing-ist-kein-erfolgsgarant-wenn/
    Wir empfehlen dann auch erstmal an diesen Baustellen zu arbeiten. Da kommt man sich dann teilweise vor wie ein Unternehmensberater.

  5. ThomasNoll

    Klasse Beitrag! Getreu dem Motto: erst über mögliche Konsequenzen nachdenken, bevor SEO-Maßnahmen getroffen und umgesetzt werden

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